Wer nachts auch noch auf unsere Stadt aufpasst

Spaichingen – Womöglich das Leben gerettet hat eine Zeitungsausträgerin des „Heuberger Boten“ einer alten Dame in der vergangenen Woche. Sie warf kurz nach halb drei nachts die Zeitung durch den Türschlitz des etwas zurückgesetzten Einfamilienhauses und hörte „Hallo!“ und „Hilfe!“ aus dem Untergeschoss. Da reagierte sie sofort. Ihr Kollege Jürgen Schwarz hat die Situation beobachtet. Auch er arbeitet als Zusteller der Zeitung und von Südmail-Briefen. Und Leuten helfen im nächtlichen Spaichingen – das kennt auch er. Und nicht nur das.

Die Zustellerin, die vergangene Woche die alte Frau gerettet hat, möchte aus Bescheidenheit nicht mit Namen und Foto in der Zeitung stehen. Aber ihre Geschichte erzählt sie. Stockdunkel sei es gewesen, aber offenbar hat die alte Frau, die in diesem Haus ganz allein lebt, das Klappern des Briefkastendeckels gehört.

Heute, nachdem alles gut ausgegangen ist, muss unsere Zustellerin wegen des Radaus im stillen nächtliche Spaichingen fast lachen, denn sie rief selbst mehrmals laut „Hallo!“ und den Namen der Frau. Diese antwortete mit unverständlichen Worten, aber immer wieder klar mit „Hilfe!“ Sie wollte dann die Nachbarn rausklingeln, ging mit der Taschenlampe rund ums Haus und hoffte, nicht selbst als Einbrecherin verdächtigt zu werden.

Die Nachbarn hörten die Klingel nicht und so rief sie dann die Polizei. Die Polizistin konnte mit der starken Taschenlampe ins Untergeschoss leuchten und sah durch ein Fenster die hilflose Frau. Auch der Rettungsdienst und zwei Feuerwehrfahrzeuge rückten an, um die Türe zu öffnen. doch das war nicht mehr nötig. Offenbar konnte zwischenzeitig ein Schlüssel beschafft werden.

Die ganze Szene beobachtet hatte Jürgen Schwarz. Der 57-jährige Zusteller hatte seine eigene Tour in der Stadtmitte bereits beendet, sollte später aber nochmal los, denn er ist sozusagen die „Feuerwehr“, wenn im nördlichen Landkreis ein Bezirk ausfällt.

Jürgen Schwarz ist wie seine Kolleginnen und Kollegen in den Stunden zwischen ein und fünf Uhr unterwegs – wenn Zusteller ausfallen, weil jemand krank geworden ist oder einen Unfall hatte, entsprechend später. Manchmal auch , weil es zu einer Störung im Druckhaus kommt.

Wenn jemand mitten in der Nacht Fieber kriegt oder beim Aufstehen merkt, der Kreislauf sackt weg, kann er sich bei ihm melden und er reagiert. Manchmal als „Springer auch über mehrere Tage weg“. Er plant seine Touren selbst, nutzt das Auto, weil immer wieder Lücken sind zwischen den Häusern der Abonnenten und weil er als Springer viel zu lange heim laufen müsste, wenn es spontan wegen eines Ausfalls nochmal in eine andere Gemeinde geht.

Mit dabei immer: Frieda. Die kleine Tierheimhündin liebt es, nachts mit Herrchen unterwegs zu sein. „Da kann sie ohne Leine herumrennen und nach Herzenslust schnüffeln“, erzählt Schwarz. Und dabei manchmal auch Kurioses zutage fördern: Einmal sei sie in der Europastraße plötzlich mit einem Kotelette-Knochen angekommen. Gefunden auf dem Rasen. Da hatte einer nach dem Essen wohl keine Lust, den Müll rauszubringen und das Ding halt einfach rausgeschmissen, vermutet Friedas Herrchen.

Seit zehn Jahren ist Schwarz Zusteller – dazu gekommen ist er eher zufällig während einer Umschulung zur CNC Fachkraft. Im Anschluss über eine Zeitarbeitsfirma angestellt zu werden – das wollte er nicht. Das Angebot von Merkuria, als fest angestellter Austräger von Zeitung und Briefen einzusteigen mit einem guten Stundenlohn und Zuschlägen – da könne man nicht klagen.

Eigentlich stammt Schwarz aus Meßkirch, lernte Bäcker in Konstanz und verließ die Stadt nach der Scheidung. Konstanz sei ein teures Pflaster und im Kreis Tuttlingen gab es Arbeit. Zunächst als Bauhelfer und dann als Paketbote. Was schließlich seine Bandscheiben ruinierte. Denn bei acht Stunden habe er es nie belassen, so der dreifache Vater. Seine Tochter habe einmal für ein Jahr lang ihr Azubigehalt mit einer klug geplanten Austrägerrunde in recht geringer Zeit direkt verdoppelt. „Da konnte sie sich ein Auto leisten, was sonst nicht gegangen wäre.“

Schwarz macht seinen Job sehr gern. „Da hab ich meine Ruhe und Frieda ihren Auslauf.“ Und gesund ist es außerdem. Vor allem seit Schwarz stundenmäßig etwas kürzer getreten ist seit einem Herzinfarkt vor ein paar Jahren.

19.000 Schritte hatte sein Handy mal gezählt, als er auch noch in zwei drei anderen Gemeinden ausgetragen hatte. „Ganz klar“ sei er seit diesem Job körperlich fitter. Und am Wochenende oder im Urlaub zieht er gerade nochmal los mit Frieda – wandern auf den Risiberg oder Rußberg.

„Ja natürlich“ achte er darauf, ob sich die Zeitung im Briefkasten staut – falls etwas passiert sein sollte. Aber meist seien die vom Samstag und Montag dann am Dienstag weg – Entwarnung.

Aber geholfen hat er trotzdem schon mehrfach und Dinge beobachtet im nächtlichen Spaichingen. So war zum Beispiel mal die hintere Rathaustür offen gestanden – Einbrecher? Die Polizei kam und checkte. Entwarnung. Eine Putzkraft hatte vergessen, zuzumachen. Oder in Weilheim stand mal eine Haustür sperrangelweit offen, der Schlüssel steckte außen. Offensichtlich Schusseligkeit. Schwarz warf den Schlüssel rein und schloss die Tür. Der Hausbesitzer war am nächsten Tag blank entsetzt, was hätte passieren könne. Oder der Betrunkene auf dem Rathausparkplatz den Schwarz vorsichtig berührte, ob er noch lebt – und der dann sich hochrappelte und heim torkelte.

Betrunkene gebe es immer wieder, sagt er, vor allem zu Fastnacht. Aber auch Pärchen, die das machen, was man sonst hinter verschlossenen Türen macht – und sich manchmal auch keineswegs stören lassen. Oder dass sich Jugendliche verabreden, im Bier-zwickl Randale zu machen – und dann tatsächlich Schlägereien vom Zaun brechen. Das ist aber ganz selten.

Es geht ziemlich friedlich zu im Städtle in der Nacht. Zuverlässig sechs Tage die Woche die Zeitung und die Briefe zu liefern, ist eine Leistung, die absolut nicht selbstverständlich ist. Entsprechend froh sind auch viele Leser des „Heuberger Boten“, sagt Schwarz. Und er freut sich über die Anerkennung durch die Geldgeschenke zu Weihnachten.

Ganz selten sei ihm jemand „blöd“ gekommen, hab ihn abgefangen und sich nicht im Traum vorstellen können, was alles damit verbunden ist, so zuverlässig zu liefern. Einmal habe ihm einer unterstellt, er habe einen Brief geöffnet – der aber wegen der feuchten Luft nachts selbst aufgegangen war. Das habe ihn schon sehr geärgert. „Normalerweise bin ich ein netter, friedlicher und fairer Typ“, aber da habe er sich gesagt: „So nicht!“. Und erst recht als ihm einer „Taugenichts“, „Dackel“ und „Scheiß Ausländer!“ nachgerufen habe. Da habe er sich umgedreht und mit „gepflegten“ schwäbischen Worten den Pöbler in die Schranken verwiesen.

Aber es gibt auch andere Geschichten. Eine Dame in Dürbheim habe zwei Zeitungsrollen am Haus gehabt, vorn und hinten, und er habe die Zeitung in die vordere Zeitungsrolle gesteckt, was schneller geht. Da sei am nächsten Tag eine kleine Flasche Piccolo und ein kleiner Zettel drin gewesen: Ob er nicht so freundlich sei, hinters Haus zu laufen, sie könne nur schlecht gehen. „Seitdem steck’ ich die Zeitung hinten in die Rolle, klar.“

Frieda hat sich nach der nächtlichen „Gassirunde“ wieder aufs Sofa gelegt, aber als es wieder los geht, steht sie schwanzwedelnd parat. Jetzt werden die Briefe ausgetragen.

Zum Beitrag der Schwäbischen Zeitung: https://www.schwaebische.de/regional/tuttlingen/spaichingen/auch-sie-passen-nachts-auf-unsere-stadt-auf-2321850

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